Infektionsprävention

Wozu braucht es die Spitalhygiene?

26-11-24
Was macht ein Fachmann für Spitalhygiene?

Maik Lingel ist Hygienefachmann. Im Interview spricht er über die grössten Herausforderungen in der Spitalhygiene, wie man die Impfbereitschaft verbessern kann und wie er die Bedrohung durch antibiotikaresistente Keime einschätzt.

7 Minuten
Frank Engelhaupt
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Maik Lingel war 23 Jahre lang Intensivpfleger. Im Juni 2024 hat er sich entschieden, seinen Beruf zu wechseln. Seither lässt sich Maik bei H+ zum Fachexperten Infektionsprävention ausbilden, parallel dazu arbeitet er als Hygieneverantwortlicher am See-Spital.

Worin besteht deine Aufgabe hier am See-Spital?

Meine wichtigste Aufgabe ist die Infektionsprävention. Die Sicherheit von Personal und Patient*innen stehen für mich an erster Stelle. Daher versuche ich, das Personal beim Einhalten von Hygienerichtlinien so gut wie möglich zu unterstützen. Hygiene muss gelebt werden. Sie ist nur so gut, wie sie von jeder und jedem Einzelnen umgesetzt wird.

Meine wichtigste Aufgabe ist, das Personal beim Einhalten von Hygienerichtlinien bestmöglich zu unterstützen.

Die Isolationsvisite auf den Bettenstationen gehört zu den Routineaufgaben einer Hygienefachperson.

An welchen Richtlinien orientierst du dich?

Wenn eine Prävention wirksam sein soll, braucht es flächendeckende Standards. Hier in der Schweiz hat der Bund hygienische Mindestanforderungen entwickelt, die in allen Schweizer Spitälern und den Pflegeeinrichtungen umgesetzt werden müssen. Nach diesen Anforderungen richtet sich auch das See-Spital.

Wie sieht dein typischer Tagesablauf aus?

Typisch gibt es eigentlich nie, weil fast jeden Tag etwas Unerwartetes passiert. Aber generell steht die Isolationsvisite auf meinem Tagesprogramm an erster Stelle. Ich gehe über die Abteilungen und schaue, ob bei den isolierten Patient*innen die richtigen Schutzmassnahmen vorgenommen wurden, kläre offene Fragen. Um die Ausbreitung von Infektionen zu reduzieren stehe ich ständig im Austausch mit den Ärzt*innen und Pflegefachkräften und kontrolliere, ob die richtigen Massnahmen getroffen wurden. Ein wichtiges Tool sind hierbei unsere Isolationsschilder, damit nicht nur die Pflege auf der Station, sondern auch Besuchende und Ärzt*innen wissen, wie sie sich schützen können.

Isolation klingt nach Gefängnis. Wie muss ich mir das vorstellen?

Gefängnis ist die falsche Assoziation. Wir bieten isolierte Patient*innen so viel Freiheit wie möglich. Doch gleichzeitig wollen wir die körperliche Unversehrtheit des Personals und der anderen Patient*innen gewährleisten, indem wir verhindern, dass jemand sie ansteckt. Unser erster Grundsatz dabei lautet: Wir isolieren nicht nach Erregern, sondern nach Symptomen. Zum Beispiel: Ein*e Patient*in hustet, der Erreger wird also durch Tröpfchen übertragen. In diesem Fall machen wir eine sogenannte Tröpfchenisolation. Daran werden sich die meisten noch aus Pandemiezeiten erinnern: Wenn man den Abstand von einem Meter nicht einhalten kann, tragen Patient*in, Besucher*innen und Personal eine Schutzmaske.

Hygienerichtlinien müssen regelmässig überprüft und aktualisiert werden.

Gibt es noch andere Formen der Isolation?

Nehmen wir als Beispiel ein Norovirus, einen Durchfallerreger, der über den Mund oder die Nase übertragen wird. Um Ansteckungen zu verhindern, müssen wir eine Kombination aus Tröpfchen- und Kontaktisolation veranlassen. Hierbei steht neben dem Tragen einer chirurgischen Maske das regelmässige Desinfizieren aller Oberflächen im Patient*innenzimmer eine entscheidende Rolle.

Was gefällt dir am besten an deinem Beruf?

Die Vielseitigkeit. Von Hygienemassnahmen in der Spitalküche bis zu Einwirkzeiten von Hautdesinfektionsmitteln im Operationssaal – mein Aufgabenspektrum ist sehr breit.

Um die Verbreitung von Keimen zu verhindern, ist die korrekte Händehygiene das A und O.

Stichproben zur Händehygiene nimmt Maik regelmässig auf allen Abteilungen des See-Spitals vor.

Wo siehst du punkto Hygiene die grössten Herausforderungen?

Um die grösste Herausforderung zu erkennen, muss man sich ein bisschen mit Zahlen beschäftigen. In Schweizer Gesundheitsinstitutionen kommt es jährlich zu rund 70’000 nosokomialen Infektionen, es wird geschätzt, dass wir 30 bis 50% vermeiden könnten.

Wie sorgst du dafür, dass Mitarbeitende ihre Hände richtig desinfizieren?

Auf den Bettenabteilungen, in den Operationssälen, auf der Tagesklinik, also überall, wo unser Personal im Patient*innenkontakt arbeitet, mache ich regelmässig Stichproben, um zu schauen, ob die Richtlinien für die Handhygiene korrekt angewendet werden. Die WHO definiert fünf Indikationen in der Händehygiene. Um die Händehygiene unserer Mitarbeitenden zu beurteilen, richte ich meinen Fokus auf diese fünf Aspekte.

Gibt es beim Personal Unterschiede in der Hygienedisziplin?

Ja, diesen Unterschied gibt es tatsächlich. Bei der Händehygiene ist die Pflege disziplinierter, beim Impfen sind Ärztinnen und Ärzte gewissenhafter. Man muss allerdings zwischen der hygienischen und der chirurgischen Händedesinfektion unterscheiden. Operateur*innen führen die chirurgische Handwäsche durch, wobei während mindestens drei Minuten die Hände und Unterarme bis zum Ellenbogen mit Desinfektionsmittel behandelt werden. Dieser Vorgang ist gesetzlich vorgeschrieben, wer sich nicht daran hält, macht sich strafbar.

Bei Stichproben wird überprüft, ob die fünf Indikationen der Händehygiene eingehalten werden.

Du hast es angesprochen: Ein weiterer Schutz vor dem Übertragen von Krankheiten sind Impfungen. Wie steht es am See-Spital um die Impfbereitschaft?

Die Bereitschaft, sich gegen Grippe impfen zu lassen, ist deutlich zurückgegangen. 2023 hatten wir die bisher schlechteste Akzeptanz. Während der Pandemie hatten wir ein Spitzenjahr mit einer Rate von 33%. Damals hatten alle Angst vor Covid und wollten einen zusätzlichen Schutz vor Influenza. Heute liegt die Quote schweizweit bei bescheidenen 19%. Auch im See-Spital ist die Impfbereitschaft sehr verhalten. 

Wo siehst du die Ursachen für diese mangelnde Bereitschaft?

Seit der Pandemie ist das Vertrauen in Impfungen geschwächt. Zu Unrecht: Eine Grippe-Impfung ist eine sichere Impfung, man kennt die Wirksamkeit seit Jahrzehnten. Das Vertrauen in die Impfung wiederherstellen, ist in meinen Augen das Wichtigste.

Eine weitere Ursache liegt darin, dass jüngere Generationen gar nicht wissen, wie eine Gesellschaft ohne Impfungen aussehen würde. Nehmen wir das Beispiel Kinderlähmung. Menschen mit erschlafften Gliedmassen sehen wir heute keine mehr, also geht man fälschlicherweise davon aus, dass die Krankheit gar nicht existiert. Doch dass die Zahl der Polio-Fälle weltweit um 99% zurückgegangen ist, haben wir der Impfung zu verdanken. Wir wiegen uns in einer falschen Sicherheit, denn durch Falschinformationen, wachsender Impfskepsis und unserer Reisetätigkeit rund um die Welt, kommen diese Erreger zurück. Impfen ist heute noch genauso wichtig wir früher.

Schutz vor Grippe: Im November ist das Impfmobil auf allen Abteilungen unterwegs.

Sprechen wir noch über Antibiotikaresistenzen. Wie schätzt du die Bedrohungslage für unser Gesundheitssystem ein?

In der Deutschschweiz sind wir – bis jetzt zumindest – noch relativ gut verschont geblieben, doch im Tessin und im Waadtland kämpft man gegen Resistenzen. Auch bei unseren Nachbarn Frankreich, Deutschland und Italien nehmen die Resistenzen stark zu. Es bestehen Anstrengungen des Bundes, Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen. Seit 2015 wird die Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) mit zahlreichen Massnahmen umgesetzt. Dabei spielt nicht nur die Humanmedizin eine Rolle, ein grosser Anteil dieser Medikamente kommt in der Tiermast zum Einsatz, bei Hühnern, Kälbern und Schweinen. Mit dem geschlachteten Tier gelangen resistente Keime in die Küche und können auf den Menschen übergehen. Jetzt versagt das Antibiotikum auch beim Menschen.

Wie kann man sich vor resistenten Keimen schützen?

Bei der medizinischen Behandlung von Menschen sollte man Antibiotika sparsam und bewusst einsetzen, also nur dann, wenn man sie wirklich braucht. Zudem sollte man sich an die Anweisungen der Ärztin/des Arztes halten, also keine Einnahme auslassen und das Medikament so lange einnehmen, wie es verschrieben wurde.

 

Aus klinischer Sicht ist es wichtig, dass man zuerst schaut, um welchen Keim es sich handelt – etwa mit einem sogenannten Antibiogramm –, damit man dann sehr gezielt das passende Antibiotikum einsetzen kann.

 

Im Vergleich zu anderen Ländern ist das Bewusstsein für die Gefahr resistenter Keime in der Schweiz relativ hoch – trotzdem denke ich, dass man das Bewusstsein weiter schärfen kann und auch als Ärztin oder Arzt alternative Wege zur Heilung versucht, anstatt reflexartig sofort zum Antibiotikum zu greifen.

Neben deiner Tätigkeit im Spital absolvierst du noch ein Nachdiplomstudium bei H+. Hast du schon ein Thema für deine Facharbeit?

Ich habe mich noch nicht auf ein Thema festgelegt, kann mir aber gut vorstellen, etwas zu den verschiedenen Isolationsformen zu schreiben.

Verbindung zu den Leistungen vom See-Spital

Über diesen Link erfahren Sie mehr über die Leistungen unserer Pflegeabteilung.

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