Chirurgie

Robotik im Operationssaal

18-06-25
Robotik im Operationssaal

Das Robotik-System 'DaVinci' ist ein fester Bestandteil der Chirurgie See-Spital, Chefarzt Dr. Simon Wrann führt Operationen regelmässig mit dem Roboterassistenten durch. Hier erzählt er, für welche Eingriffe das System besonders gut geeignet ist und welche Vorteile die Technologie den Patient*innen bringt.

7 Minuten
Frank Engelhaupt
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Mit dem DaVinci Xi verfügt das See-Spital über ein chirurgisches Robotik-System der neusten Generation. Was bringt diese Technologie den Patient*innen?

Die Technologie erlaubt mir, besonders gewebeschonend vorzugehen. Nehmen wir als Beispiel die Therapie einer Bauchwandhernie. Früher habe ich Nervenbahnen durchtrennt, weil sie schlicht und einfach nicht erkennbar waren. Mit der DaVinci-Kamera operiere ich fast wie unter dem Mikroskop. Ich sehe die verschiedenen Gewebestrukturen und schneide nur dort, wo ich wirklich muss. Das heisst, ich benötige weniger Schnitte, die Verletzungen sind geringfügiger. In der Folge verläuft die Heilung schneller und ist für die Patient*innen mit bedeutend weniger Schmerzen verbunden. Das finde ich eindrücklich.

Der Siegeszug der Robotik im Operationssaal ist nicht aufzuhalten.

Die Kamera erstellt eine vergrösserte, dreidimensionale Ansicht des Operationsbereichs und erleichtert dadurch die Sicht auf Gewebeschichten und Anatomie.

Gibt es auch Vorteile für das Spital oder für das Gesundheitswesen allgemein?

Absolut. Nehmen wir den Faktor der schnelleren Genesung. Dadurch verkürzt sich auch der stationäre Aufenthalt. Dies spart wiederum Ressourcen, da die Patienten*innen weniger pflegerische Betreuung benötigen. Der schnellere Heilungsprozess ermöglicht zudem eine zügigere Wiederaufnahme sämtlicher körperlicher Aktivitäten und einen rascheren Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess.

Wie viele Eingriffe werden am See-Spital mit DaVinci durchgeführt?

Aktuell können wir das System bei rund 20% unserer Eingriffe anwenden, Tendenz steigend.

Was ändert sich für Sie als Chirurg, wenn Sie roboterassistiert operieren?

Das System übersetzt zwar die Bewegungen meiner Hände, doch der Bewegungsradius der Instrumente ist grösser. So kann ich Manöver durchführen, zu denen mein Handgelenk und meine Finger gar nicht in der Lage wären. Das System filtert zudem das Zittern der Hände heraus. Daraus ergeben sich Möglichkeiten, die mit der klassischen Laparoskopie unmöglich sind. Eines muss allerdings klar sein: Die Vorteile von DaVinci sind immer abhängig von der Erfahrung und vom Können der Person, die operiert. Von alleine kann DaVinci nichts, man wird nicht automatisch besser, nur weil man den Roboter benutzt.

Von alleine kann 'DaVinci' nichts, das System übersetzt lediglich das Können der Chirurg*innen.

‚DaVinci‘ erweitert die Grenzen der klassischen Laparoskopie.

In einer Studie heisst es, dass DaVinci-Operationen länger dauern als wenn man klassisch laparoskopisch operiert. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?

Es stimmt, dass die Vorbereitung bei älteren Modellen noch umständlicher und deshalb zeitaufwändiger war. Doch das neuste Modell ist so flexibel beim Andocken, dass wir kaum noch Zeit verlieren. Und falls das Andocken einmal etwas länger dauert, holen wir die Zeit dank der hohen Präzision wieder auf. Eine klassische laparoskopische Hernienoperation dauert ca. 45 Minuten, mit unserem DaVinci am See-Spital benötige ich dafür keine Minute länger.

Sprechen wir von Ihrem Spezialgebiet, der Viszeralchirurgie. Bei welchen Eingriffen kann DaVinci seine Stärken am besten ausspielen?

Grosse Bauchdeckenbrüche kann man mit DaVinci am besten behandeln. Seit dies roboter-assistiert möglich ist, macht es keinen Sinn mehr, laparoskopisch oder offen zu behandeln. Ich habe für solche laparoskopischen Operationen früher 5 bis 6 Stunden gebraucht und musste beim minimal-invasivem Zunähen der Bauchdecke Kompromisse eingehen. Mit dem Roboter sind die Patient*innen perfekt versorgt – und dies in der Hälfte der Zeit.

Grosse Bauchdeckenbrüche können wir mit 'DaVinci' am besten behandeln.

In der Viszeralchirurgie spielt ‚DaVinci‘ seine Stärken aus.

Wie sieht es mit den schwer zugänglichen Bereichen im Bauch aus?

Die Vorteile zeigen sich beispielsweise auch bei der Entfernung von Krebstumoren im Magen. Das Auffinden und Entfernen der Lymphknoten ist in diesem Bereich sehr kompliziert, hier punktet DaVinci auf jeden Fall. Auch bei Darmkrebs im Enddarmbereich ist die Präzision des Roboters unschlagbar – und hier ist die Präzision in höchstem Masse ausschlaggebend für die Prognose der Patient*innen. Dies können wir übrigens mittlerweile auch mit Daten untermauern. Die Vorteile sind also zunehmend schwarz auf weiss nachweisbar.

Das klingt, als sei der Roboter für Ihr Fachgebiet ein Gewinn.

Der Siegeszug der Robotik ist meiner Meinung nach nicht aufzuhalten. Ich war drei Jahre in einem Spital ohne Robotik und habe die Entwicklung vor allem bei der Bauchdecken-Chirurgie mitverfolgt. Zuerst haben wir die Eingriffe noch offen gemacht, dann kam der Übergang zur minimal-invasiven Methode und jetzt erlebe ich, was es bedeutet, mit dem Roboter zu operieren. Meine erste Reaktion war: Warum habe ich das nicht schon immer so machen dürfen? Das war für mich der zündende Moment, um zu sagen: Das ist die Zukunft der Chirurgie (und eigentlich schon die Gegenwart!).

Die Technologie erlaubt es uns, besonders gewebeschonend vorzugehen.

Das Robotik-Team am See-Spital: Dr. Erik Grossen, Dr. Simon Wrann und med. pract. Aamr Orban.

Denken Sie, dass das chirurgische Handwerk unter dieser Entwicklung leiden wird?

Nicht in grossem Ausmass. Der Roboter nimmt uns – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt – noch keine einzige chirurgische Aufgabe ab. Im Gegenteil – wir als Chirurgen*innen müssen uns entwickeln und lernen, wie wir Robotik am besten nutzen. So gesehen macht der Roboter uns zu besseren Operateur*innen. Mag sein, dass in Zukunft der Roboter gewisse Teilschritte autonom durchführen wird. Aber auch so eine Entwicklung sehe ich positiv. Die Maschine ist nie krank, hat nie schlechte Laune, zittert nicht und wird niemals müde. Sie erledigt ihre Aufgabe in einer immer gleich hohen Präzision. Und dies ist meinen Augen ein grosser Vorteil.

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